Ein Bericht der WAZ vom 30.11.2016 von  Jennifer Humpfle

Zeitzeuge Peter Keup erzählt Schülern des Emschertal-Berufskollegs von seiner Jugend in der DDR und warum er irgendwann fliehen wollte.

Die meisten Menschen haben sich 1949 in Richtung Westen aufgemacht, bevor Deutschland endgültig geteilt wurde. Bei Peter Keups Familie war es andersherum. Sein Vater war Kommunist und ist mit seiner Familie von Essen nach Ost-Berlin gezogen.

Peter Keup wurde in der DDR geboren und wuchs dort auf. Wie das Leben war und warum er irgendwann flüchten wollte, berichtet Keup am Dienstag am Emschertal-Berufskolleg. Die Schüler befassen sich im Unterricht mit der deutsch-deutschen Geschichte und bearbeiten dazu den Roman „Weggesperrt“ von Grit Poppe.

„Eigentlich hatte ich eine unbeschwerte Kindheit“, erinnert sich Peter Keup. Als er sieben oder acht war, durften seine Großeltern zum ersten Mal in die DDR reisen, um die Familie zu besuchen. „Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass etwas nicht stimmt.“ In der Schule sei ihm eingebläut worden, dass die BRD der Klassenfeind sei. Auch die Berliner Mauer wurde als „anti-imperialistischer Schutzwall“ positiv verkauft.

In der erweiterten Oberschule als Verräter beschimpft

1965 stellte seine Mutter einen Antrag auf Rücksiedelung. „Von da an waren wir Feinde des Systems“, erklärt Peter Keup. „Ich war 16 und besuchte die erweiterte Oberschule. Eines Tages fing meine Lehrerin mich ab und beschimpfte mich als Verräter.“

Keup durfte die zehnte Klasse beenden und musste danach aber die Schule verlassen. „Ich war Leichtathlet, durfte aber nicht mehr auf den Sportplatz. Meine Freunde wendeten sich ab.“

1981 sah er keine Perspektive mehr und wollte fliehen. Einzig seiner Mutter erzählte er von seinem Plan. „Ich hatte gehört, dass die Chancen über die Donau zwischen Ungarn und Österreich am besten sind.“

So weit sollte er jedoch gar nicht erst kommen. Der damals 22-Jährige wurde im Zug Richtung Tschechoslowakei kontrolliert. Erst verhörten Polizisten ihn, dann die Militärpolizei. „Im Zug wurden Fenster und Tür mit Decken abgehangen, ich musste mich ausziehen und wurde durchsucht.“ Die in die Jeans eingenähten DM-Scheine und ein Kompass verrieten ihn.

Er wurde in eine Baracke geführt und weiter verhört. „Nach fast 40 Stunden ohne Schlaf und Essen und immer wieder der gleichen Frage, habe ich gestanden, dass ich fliehen wollte.“

Drei Monate lang war Peter Keup in U-Haft: „Ich war eine Nummer“

Von der Baracke wurde er in eine winzige Zellen in einen dunklen Lieferwagen verladen und ins Gefängnis gebracht. Drei Monate blieb er in U-Haft. „Ich war eine Nummer, wurde ignoriert, meine Fragen wurden nicht beantwortet. Ich wusste nicht, wo ich war. Das Alleinsein war das Schlimmste.“

Später kam er in ein normales Gefängnis. „Das war zwar auch schlimm, aber ich fühlte mich endlich wieder als Mensch.“ Kurz vor seiner Entlassung sollte er um die Wiedereingliederung in die DDR-Gesellschaft bitten: „Das habe ich abgelehnt und wurde aus der Staatsbürgerschaft entlassen.“

Eines Tages wurde er mit einer Gruppe anderer Häftlinge in einen Reisebus geführt. „Dort stellte sich uns der Anwalt Dr. Wolfgang Vogel vor und sagte, dass wir in die BRD gebracht würden. Ich konnte es gar nicht glauben.“ Über Gießen gelangte Peter Keup im April 1982 schließlich zu seinen Großeltern nach Essen. Seine Familie folgte zwei Jahre später. „Ich war der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt.“

Bis heute lebt er in Essen, obwohl der 58-Jährige in Berlin für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur arbeitet. „Essen ist meine Heimat, immer wenn ich im Osten bin, habe ich ein komisches Gefühl.“

Als politischer Häftling von der BRD freigekauft

Wie seine Ausreise möglich war, lautet die erste Frage der Schüler nach dem Vortrag. Peter Keup erklärt, dass politische Häftlinge von der BRD freigekauft werden konnten, weil die DDR in chronischer Geldnot war. „Für mich wurden 100 000 Mark bezahlt.“

Außerdem wollen sie wissen, wie er die aktuelle politische Situation einschätzt und ob er noch unter der Haft leidet. „Ich habe 2014 die Stasi-Akten meines Vaters und meines Bruders beantragt und herausgefunden, dass mein Bruder unterschrieben hatte, uns zu bespitzeln. Das war ein solcher Schock, das ich noch mal von vorne angefangen habe.“

Die Arbeit für die Stiftung, Aufklärung in Schulen und im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen seien für ihn die beste Art der Aufarbeitung. Ob sein Bruder die Stasi tatsächlich mit Informationen versorgt hat, weiß Peter Keup nicht, da dieser bei einem Unfall Anfang der 90er verstarb. „Aber ich hoffe, dass er nur aus Zwang unterschrieben hat.“

 

Peter Keup wurde beim Fluchtversuch aus der DDR verhaftet. Er wollte über Ungarn nach Österreich gelangen. Foto: Bodemer

Das Emschertal Berufskolleg ist Stolz darauf, neun Schülern das Deutsche Sportabzeichen verleihen zu dürfen.

Perspektivwerkstatt Politische Teilhabe und Partizipation

„So wirken wir mit und mischen uns ein – Gestaltungsmöglichkeiten in Herne“

Was bewegt Schülerinnen und Schüler? Was möchten sie bewegen? Was brauchen sie dazu? Darüber diskutierte Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen, bei einer Perspektivwerkstatt mit 30 Herner Schülerinnen und Schülern von Grund- und Gesamtschulen sowie Berufskollegs.

„So wirken wir mit und mischen uns ein – Gestaltungsmöglichkeiten in Herne. Perspektivwerkstatt Politische Teilhabe und Partizipation“ – unter diesem Motto erzählten die Kinder und Jugendlichen am 30. Juni 2016 im Stadtteilzentrum Pluto in geschützter Atmosphäre sehr offen von ihren Erfahrungen und Gedanken.

„Ich suche immer wieder gerne das Gespräch mit Kindern und Jugendlichen und möchte sie ermutigen, sich einzumischen. Das Thema politische Teilhabe und Partizipation gerade junger Menschen ist mir so wichtig, weil es grundlegend für die Zukunft unseres friedlichen Zusammenlebens in einer vielfältigen, demokratischen Gesellschaft ist“, so Sylvia Löhrmann. „Werte wie Freiheit, Menschenrechte und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Wir alle müssen sie schützen und für sie einstehen.“

Auch die Herner Bildungsdezernentin Gudrun Thierhoff betonte die Bedeutung von politischer Teilhabe und Partizipation von Kindern und Jugendlichen: „Schülerinnen und Schüler sind wichtige Partner bei der Weiterentwicklung der Herner Bildungslandschaft. Auch deshalb haben wir begonnen, die Arbeit der Herner Schülervertretungenzu unterstützen".

In den drei Gesprächsrunden ergaben sich unterschiedliche Schwerpunkte:

Die Grundschüler der Schillerschule und Jürgens Hof engagieren sich als Streitschlichter oder Klassensprecher in ihren Schulen, im Schulparlament der Schillerschule oder im Kinder- und Jugendparlament der Stadt Herne. Sie setzen sich ein, weil es ihnen Spaß macht, sie gerne bei Problemen mithelfen und vor allem „weil man mitbestimmen darf“, so ein Schüler.

Die Jugendlichen der Gesamtschulen Mont-Cenis und Wanne-Eickel engagieren sich auch außerhalb von Schule und meist aufgrund persönlichen Bezugs, zum Beispiel lehren sie Deutsch in der Einrichtung, in der sie es selbst einmal gelernt haben, oder sie gestalten gemeinsam mit Flüchtlingen ihre Freizeit, weil sie noch wissen, wie es sich nach dem Ankommen in Deutschland anfühlte.

Eine Voraussetzung für Engagement sei eine fundierte Demokratiebildung, so die einhellige Meinung der Jugendlichen der Berufskollegs Mulvany und Emschertal. Man müsse zuerst auf eigenen Beinen stehen, erst dann könne man sich für andere engagieren. Man müsse wissen, „wie engagieren gehe, sich ernst genommen fühlen und sehen, dass es was bringe“, meinten die jungen Erwachsenen.

Ministerin Löhrmann zog ein positives Fazit: „Bestehende Gremien wie die Schülervertretungen und der Klassenrat werden gerne genutzt und von den Kindern und Jugendlichen als wichtig erachtet. Diese Möglichkeiten der Mitgestaltung bieten viel Potential. Immer da, wo sich Kinder und Jugendliche engagieren, findet Demokratie statt und hat Demokratie eine Zukunft.“

Hintergrund:

Die Veranstaltung Perspektivwerkstatt Politische Teilhabe und Partizipation

„So wirken wir mit und mischen uns ein – Gestaltungsmöglichkeiten in Herne“ war eine gemeinsame Veranstaltung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen und des kommunalen Bildungsbüros der Stadt Herne. Die Schulministerin wird in weiteren Perspektivwerkstätten den Dialog mit Kindern und Jugendlichen zu schulpolitisch relevanten Themen in anderen Regionalen Bildungsnetzwerken Nordrhein-Westfalens fortführen.

 

Schulministerin Löhrmann im Gespräch mit Jugendlichen der Berufskollegs

 

 

Die Beteiligten der Perspektivwerkstatt

 

Fotos (Rechte: Frau Schulze-Buxloh)

 

Habt ihr schon mal einen Arbeitsunfall gehabt, weil ihr ein Arbeitsmittel (z.B. Hammer, Stichsäge oder Schere) falsch verwendet? Oder seid ihr mal in eine brenzlige Situation gekommen, in der es beinahe zu einem Unfall gekommen wäre? Das wollte die HBME2 von Auszubildenden am ebk wissen. Insgesamt wurden mehr als 230 Auszubildende befragt und deren Antworten ausgewertet und analysiert. Und die Ergebnisse überzeugten auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Die HBME2 erhält den 2. Preis des Landes-Wettbewerbs.

„Wir haben versucht aus der Umfrage Erkenntnisse zu gewinnen, aus denen wir Tipps ableiten, um zukünftige Unfälle zu vermeiden“, beschreibt Projektschüler Ersan Örencik die Arbeit der Gruppe. Auch Klassenlehrer Eifler, der die Klasse zur Teilnahme ermuntert hat, zeigt sich beeindruckt, „Das Engagement der Gruppe hat noch mehr bewirkt: Durch die Umfrage wurde eine weitere Klasse zu einer Wettbewerbsteilnahme begeistert.“

Die Auszubildenden im ersten Lehrjahr der Anlagenmechaniker Sanitär Heizung, Klima der Klasse DUAM1 sammelten ihre eigenen Erfahrungen, analysierten die Unfälle und erarbeiteten Vorschläge zur Unfallvermeidung. Das war der DGUV noch einen Sonderpreis wert.

Präsentation der Ergebnisse der HBME2 am Tag der offenen Tür.

Hintergrund war der Wettbewerb „changes/chances@work“, ausgeschrieben vom deutsch-polnischen Jugendwerk. Es sollten Projekte entwickelt werden, die die berufliche Orientierung junger Menschen und ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt widerspiegeln. Zusammen mit der Partnerschule

in Konin wurde im Bereich Informatik und Gestaltung eine App entwickelt, in der junge Menschen ein Bewerbungstraining auf spielerische Art und Weise durchführen können. Von mehr als 85 Projektideen wurden 18 ausgewählt und (in 2 Kategorien unterteilt) zum Finale nach Warschau eingeladen. Leider konnten nur 2 Protagonisten (Marina Grube und Alexander Brockerhoff) ausgelost werden, um die Reise in Begleitung von Frau Schulz und Frau Stöhr anzutreten.

Am frühen Morgen des 26.01.2016 startete die Reisegruppe Richtung Warschau, sodass am ersten Tag noch einige Stunden Zeit blieben, um erste Stadterkundungen zu unternehmen. Der Nachmittag und die beiden folgenden Tage waren für den Wettbewerb vorgesehen. Es begann mit dem ersten Kennenlernen unter den Jugendlichen und einem Wiedersehen unter ihren Betreuerinnen und Betreuern.   Vor der ersten intensiven Arbeitsphase war Zeit für ein Treffen mit Steffen Möller, dem aus Deutschland stammenden Schauspieler, Kabarettist und Autor, der in Polen eine hohe Popularität genießt, und dem Besuch des Kopernikusmuseums.

Am Mittwoch wurde es schließlich spannend. Zusammen mit dem Kooperationspartner mussten sich unsere Schüler auf die Präsentation vor der Jury vorbereiten. Für die kritischen Fragen teilten sich Alex, Jakub (aus Konin) und Marina den Vortrag auf und stellten den Verlauf der Begegnungen, die informationstechnische sowie die gestalterische Herangehensweise und deren Herausforderungen sehr professionell vor. Der Alltagsbezug für Jugendliche, innovative Elemente, die Nachhaltigkeit und die partnerschaftliche Aufteilung des Projektes wurden von den Juroren erfragt.

Dann mussten sich alle gedulden bis nach einer Begrüßung durch Frau Agata Duda, die Gattin des polnischen Präsidenten, in einer abendlichen Gala die Gewinner der beiden Kategorien „schulisch“ und „außerschulisch“ bekannt gegeben wurden. Der Ausklang des Abends mündete für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer gelungenen Party.

Der Dank gilt allen Beteiligten an diesem Projekt von der Idee bis zur Realisierung. Ein insgesamt toller Wettbewerb wurde durch die wunderbare Organisation des Aufenthaltes ergänzt. Es war für alle eine besondere Erfahrung am Finale des Wettbewerbs teilgenommen zu haben.

 

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